Magersüchtige Frau sitzt vor leerem Teller

Der gezügelte Esser

Wenn man mit übergewichtigen Menschen (therapeutisch) spricht, be­teuern diese oft, dass sie ja gar nicht viel essen würden, sehr genau Bescheid wüssten, wie viele Kalorien sie heute schon verzehrt hätten und ihre Leibesfülle wohl mit den Genen zusammenhänge. Verbringt man mit solchen Personen ein Abendessen, so fragt man sich wirklich bisweilen, wie die Körperfülle zu erklären sei in Anbetracht des gezügelt, also kontrolliert erscheinenden Verhaltens beim Dinner.

Als gezügelte Esser bezeichnet man Menschen, die auf ihre Ernährung achtgeben und diese bewusst mit täglichen Diätzielen/Kalorienlimits steuern, wogegen ungezügelte Esser einfach darauf los mampfen, wie es ihnen Appetit und Instinkt unbewusst vorgeben.

Nun würde man vermuten, dass übergewichtige Menschen natürlich ungezügelte, unkontrollierte Esser sind. Weit gefehlt. Dicke sind wesentlich öfters gezügelte, also sich selbst maßregelnde Esser, so paradox dies klingen mag. Die Erklärung liegt im festgelegten, schon erwähnten Diätziel bzw. den selbst auferlegten Kaloriengrenzen. Wird der gezügelte Esser nämlich verleitet oder gar von Umständen (etwa einer Einladung, wo man nicht Nein sagen kann) »gezwungen«, diese Grenzen zu überschreiten (man spricht dann gerne von einer »Sünde«), dann bricht sein komplettes System der Selbstzügelung in sich zusammen. Psychologen beschreiben die folgende Kettenreaktion auch als Dammbruch. Die durch die selbstauferlegten Grenzen aufgestaute Gier nach Unerlaubtem schwemmt alle guten Vorsätze davon wie der Bruch eines Staudammes. »Jetzt ist es eh schon egal!« oder »Ab morgen passe ich wieder ganz streng auf!« sind typische Reaktionen. Dieses Phänomen gibt es auch in flüssiger Form zu beobachten – als gezügelter (Alkohol-)Trinker: Wochenlang bestellt dieser im Pub nur Mineral-Zitrone, um sich eines Tages nach dem ersten unausweichlichen Achterl massiv zu besaufen: »Heute ist eh schon alles wurscht …«

Treten beim gezügelten Esser solche Dammbrüche ab und zu auf, vielleicht ein-, zweimal im Monat, und den Rest der Zeit wird die Diätgrenze konsequent eingehalten, so passiert meist gar nichts. Werden die Intervalle zwischen den »Jetzt ist es schon egal«-Tagen aber kürzer, steigert sich also die Frequenz der Fresstage drastisch, führt dies zu adipösen Menschen, die sich bis mittags mit ihren Diätlimits kasteien, um sich nach der Schwarzwälder-Kirsch zum Kaffee (gleichsam der Torpedo für die Dammkrone) den Rest des Tages mästen, nach dem Motto: »… aber morgen wieder«.

Magersucht – die tödlichste psychische Störung!

Wie dramatisch die körperlichen Schäden von Übergewicht für den Betroffenen und unser Gesundheitssystem sind, ist mittlerweile jedem klar. Dass Untergewicht bzw. dessen krankhafte Form – Anorexie genannt – die tödlichste psychische Störung ist, das erstaunt. Die Prognose, echte Magersucht auf Dauer zu überleben, ist erschreckend schlecht. Deshalb sei allen Eltern eine hohe Sensibilität zu dieser meist zu spät zur Kenntnis genommenen Essstörung ans Herz gelegt, ganz besonders, wenn sie eine juvenile Tochter haben.

Anorexie (Magersucht) trifft mit einem Verhältnis von 10:1 Mädchen zu Jungs, die oft folgende Bulimie (Ess-Brech-Sucht) gar mit 20:1 – und das mit Erkrankungsgipfel bei 16 bzw. 19 Jahren.

Wie unmittelbar wir von Magersucht umgeben sind, untermauert die nächste statistische Zahl: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine junge Frau erkrankt, liegt bei zirka 1 %. Das bedeutet, dass jedes 100. Mädchen betroffen ist. Ausgelöst, oder zumindest ganz erheblich beeinflusst, wird diese psychische Störung, mit der auch eine beeinträchtigte Selbstwahrnehmung einhergeht (das objektiv betrachtet schon zu dünne Mädchen kommt sich subjektiv immer noch zu dick vor), von den ebenso kranken Schönheitsidealen der Modeindustrie. Die untergewichtigen bis unterernähr­ten Modells auf den Laufstegen in Paris, Mailand, London und New York und damit auf den Titelseiten tausender Illustrierter sind die denkbar schlechtesten Vorbilder für unsere weibliche Jugend. Auch spricht man im Zusammenhang mit Magersucht vom »Barbie-Puppen-Syndrom«: Schon als Kleinkinder betrachten Mädchen beim Spielen diese spindeldürren Plastikkörper mit Wespentaille oft stundenlang, wodurch eine neuronale (Fehl-)Vernetzung entsteht, nämlich, dass man als attraktive Frau so auszusehen hätte.

So leicht zu übersehen in ihrer Entstehung ist Anorexie mit ihrer ausgeprägten Angst vor Gewichtszunahme bzw. die Bulimie – Ess­attacken gefolgt von kompensatorischen Maßnahmen wie selbst herbeigeführtes Erbrechen bzw. Abführen – weil sie beide mit extremem Sporteln einhergehen können. Nur, wenn das pubertierende Mädchen total sportlich und aktiv ist, dann freut man sich als (Groß-)Eltern sogar und ist froh bis stolz, keine so passive und interessenlose Göre zuhause sitzen zu haben. »Ja gut, dünn ist sie schon, … aber besser als zu dick …« Dabei quält sich die Kleine nicht, weil sie Bewegung oder Wettkampf so liebt, sondern, weil sie schon weiß, dass Bewegung Fettpölster verbrennt.

Die Folgen dauerhafter Unterernährung sind fatal: Die Sterblichkeitsrate liegt bei 5 % im frühen Stadium und steigt an bis 9 % bei Dauermagersucht.

Hungern als Allheilmittel?

 Initialisiert werden Essstörungen sehr oft von Diäten oder erzwungener Gewichtsreduktion. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass uns kaum etwas so direkt Stärke und Selbstbewusstsein verleihen kann, wie das Überwinden von Hunger. Bei knurrendem Magen nicht wie »die anderen Schwächlinge alle« zu essen, sondern diesen Punkt zu überschreiten, kann ungemein beflügeln. Im positivsten Sinne tritt dieser Effekt als sogenannte Fasteneuphorie bei bewussten Enthaltsamkeitsritualen auf. Verantwortlich dafür dürfte vor allem das Wachstums­hormon HGH (HumanGrowthHormon) sein, das beim Fasten um bis zu 2.000 % ansteigt und unseren Körper stärkt. Und den Geist gleich mit.

Unzufriedenheit (mit ihrem Aussehen) und (Liebes-)Kummer lassen, um beispielhaft beim pubertierenden Mädchen zu bleiben, dessen Selbstwert Richtung Nullpunkt sinken. Sie redet sich ein, der Peter habe ja ganz recht, sie zu verlassen. Sie mit ihrem großen Po. Kein Wunder, dass er mit ihrer bislang besten Freundin auf und davon ist. Sofortiger Lösungsansatz: Fasten. Nichts essen! Appetit hat sie vor lauter Gram ohnehin nicht. Und Laufen gehen. Dem Kummer davonrennen. Schon innerhalb weniger Tage zeigen sich natürlich erste Resultate: Die verminderte Zufuhr von Kalorien in Kombination mit der vermehrten Verbrennung selbiger lässt die Waage rasch zwei Kilogramm weniger anzeigen. Wie cool ist das!? Vierzehn Tage später erneut zweieinhalb Kilos. Erste Fragen werden gestellt, erste Komplimente gemacht: »Na, wieviel hast du denn schon abgenommen? Ein Wahnsinn, wie toll!« und als Erfolg verbucht. Der Peter ist mittlerweile längst aus dem Bewusstsein gestrichen. »War eh ein Würstchen, der mich gar nicht verdient hatte.« Der Selbstwert ist so rasant gestiegen, wie die Kilos gefallen. Fasten und Diät als Wunderwaffe gegen jeden Kummer. Der (objektiv perfekte) Po wird zwar subjektiv immer noch als viel zu drall empfunden, »aber das wird schon noch!«

Und so joggt sich das Mädchen dünner und dünner, gegessen wird nur, was unbedingt notwendig ist. Sojajoghurt, Früchte, Gemüse – Hauptsache vegan, denn diese Ernährungsumstellung ging in den letzten Wochen gleich mit. Irgendwann – der mittlerweile knöchrige Hintern entspricht immer noch nicht der Idealvorstellung der jungen Dame – bricht der Diätdamm! Ein Anfall von Heißhunger, eine Fressattacke folgt! Sie stopft sich mit allem voll, worauf sie die letzten Wochen verzichtet hatte, empfindet diesen Rückschlag umgehend als schrecklichen Misserfolg, und ihr Selbstwert fällt wie ein Stein ins Bodenlose. Unzufriedenheit macht sich breit. Wenn sie jetzt noch Paul, ihre neuer Freund, gleich wieder verlässt, weil er sich dieses vegan-sportlich-komplizierte Diätleben nicht weiter antun will, dann startet die Geschichte jetzt neuerlich am Anfang dieses Beispiels. Unser Mädchen hat mittlerweile ein echtes Anorexieproblem. Wenn sie sich dann noch nach der nächsten Essattacke bulimisch den Finger in den Hals steckt, um die drei Veggie-Burger und die drei Marmeladesemmeln gleich wieder zu erbrechen, dann sind die Eltern dringendst aufgefordert, sich feinfühlige psychotherapeutische Unterstützung zu holen.
Koste es, was es wolle. Denn jetzt geht es im Worstcase ums Überleben!

Immer kommt es Gott sei Dank nicht zu akuter Lebensgefahr durch zu wenig essen. Dass Diäten (nicht zu verwechseln mit geführten Fastenritualen) aber beinahe alle früher oder später in einer Essstörung enden, ist Tatsache. Von Diät zu Diät dicker werden Menschen garantiert dann, wenn sie sich zwei Monate lange einige Kilos herunterhungern und danach genauso weiterfuttern wie vor der Diät: Der nun leichtere Körper benötigt aber weniger Energie. Bekommt er jedoch wieder dieselbe Kalorienmenge wie vor dem Abnehmen, legt er noch früher Fettdepots an. Dieses Auf und Ab des Gewichtes wird auch sinnbildlich als JoJo-Effekt bezeichnet.

Sensory specific satiety

Noch ein Tipp zum Abschluss: Sensory specific satiety nennt sich der Effekt, dass alle unsere Geschmackssinne gesättigt werden wollen. Isst man zuerst etwas sehr Salziges, bekommen die meisten von uns anschließend einen Gusto auf Süßes (Schokomus nach Knabbergebäck). Das zuckrige Dessert nach dem sauren Hauptgang samt bitterem Bier folgt diesem Prinzip. Mit dem Nachteil, dass man an sich schon von den 700 kcal des Schnitzels gesättigt, noch eine 700 kcal Schwarzwälder-Kirsch nachlegen »muss«. Gönnt man sich aber zum Schnitzel schon einen Teelöffel Preiselbeermarmelade oder veredelt man das Putencurry mit ein paar Ananasscheiben, befriedigt man schon mehrere Geschmackssensoren mit einem Ma(h)l. Das heiße Verlangen (»Craving« wie der Psychologe sagt) auf Süß nach Sauer verschwindet.