Fokusregulation Lebensberatung

Eine (fast) erfundene Geschichte …

Passend zum verregneten, kalten Herbstwetter möchte ich diesen Blog-Post nochmals meiner Passion der Fokus-/Aufmerksamkeitsregulation widmen – diesmal jedoch mit einer fast wahren, aber jedenfalls nachdenklich stimmenden Geschichte, die auch jederzeit ganz wahr sein könnte.

Handelnde Personen in meiner heutigen Story sind Jutta S. (39) und ihre Kinder Heide (17) und Björn (13). Jutta ist alleinerziehende und mehr oder weniger alleinfinanzierende Mutter. Sie arbeitet hart, um ihren zwei Youngsters ein möglichst sorgenfreies Leben mit guten Perspektiven bieten zu können. Der Vater der beiden verließ die Familie vor zwei Jahren und lässt sich seit der Scheidung im Grunde nur mehr zu den großen Pflichtterminen wie Geburtstagen und Weihnachten blicken, nachdem er (s)ein neues Glück gefunden zu haben scheint. Natürlich kommt er seiner Zahlungspflicht nach. Im Mindestmaß jedoch, kein Cent mehr als nötig investiert er in seine Vergangenheit, wie er selbste rüde-pragmatisch betont.

Heide ist eine Perle von einem Mädchen. Hübsch, sportlich, herausragend in der Schule, talentiert wie engagiert im Musikunterricht. Selbst die Pubertätsstürme des jungen Mädchenlebens zogen über die Familie eher gleich linden Frühlingsbrisen. Björn treffend und kurz zu beschreiben, ohne dabei pädagogisch unkorrekte Ausdrücke wie Rotzlöffel, Nichtsnutz, Faulpelz oder ähnliches zu verwenden, ist hingegen nicht leicht. Unaufmerksam – in der Schule wie in der Familie – aber dafür frech, das trifft es wohl ganz gut.

An einem Tag wie jedem anderen kommen die beiden früh abends aus der Schule retour, es duftet in der Küche nach dem zwar in aller Eile, aber nichtsdestotrotz liebevoll zubereiteten Frühabendmahl. Mutter Jutta – noch leicht fahrig vom Stress im Büro – fragt ihre Tochter, wie es denn so in der Schule gelaufen sei heute? Heide setzt freudig an: „Wir haben die Französisch-Schularbeit überraschend schon heute zurückbekommen: Wieder ein Sehr gut!“ „Na, gratuliere“, entgegnet die Mutter. „Nimmst du dir bitte selbst vom Reis, ich weiß ja nicht wie groß dein Hunger ist…“ Und wie war’s bei dir Björn, müsstet ihr nicht Mathe auch längst zurück haben?“ „Ein Fünfer? Was schon wieder einen Fleck??? Mein Gott, wie furchtbar, komm‘ her mein Armer! Mami hat dich ganz lieb! Oh Gott, ich rufe nach dem Essen sofort deine Mathelehrerin an, vielleicht weiß sie ja jemand wegen Nachhilfe. Mein Junge, was ist denn da passiert? Waren sicher die Aufgaben wieder so extrem schwierig!? Na, komm, iss ein paar Bissen!“ (Junior haut ohnehin schon während des ganzen mütterlichen Monologs rein wie eine Heuschrecke …). „Du kriegst dann eine Extraportion Schoko-Creme, das hebt die Stimmung, mein armes Kind…“

Wenig später abends, die noch immer ob des Mathe-Schicksals ihres (in Wahrheit megafaulen) Sprosses aufgelöste Jutta versucht gerade ihre Nerven mit einem Glas ihres kalifornischen Lieblingsroten zu beruhigen, betritt Brav-Heidi das Zimmer. „Duuh Mum, ich hätte im Internet ein total lässiges Federpenal gesehen. Meines ist schon ziemlich abgewetzt und der Reißverschluss spinnt dauernd. Kostet nur 24 Euro und mit einem voll schönen Pferdekopf vorne drauf …“. „Ach Schatz, deines hält doch sicher nach das dreiviertel Jahr. Schau‘, dann hast du deine Matura gemacht und zum Studieren brauchst du dann vielleicht ein ganz anderes Penal oder eine Laptop-Tasche. Und 24 Euro…, versteh doch, wir müssen eh jeden Euro zweimal umdrehen.“ Plötzlich um einen Halbton schriller: „Wart‘, ich kann grad nicht. Es ist den Moment das SMS gekommen mit den Kontaktdaten zu Björns möglichem Nachhilfelehrer.“ Und weiter zu ihrem Sohn, der sie vertieft in seinen Gaming-PC nicht einmal ansatzweise beachtet: „Bjöhörn, wie großartig, ich habe einen jungen, fertigstudierten Mathe-Professor gefunden als Nachhilfe. Der will zwar 28 Euro pro Stunde, äh nein, pro 50 Minuten, schreibt er. Auch recht. Wenn du zukünftig zwei, drei Stunden pro Woche zu dem gehst, hilft dir das sicher total weiter, mein armer Junge.“ Jutta nimmt zufrieden einen tiefen Schluck vom US-Merlot.

Drei Monate nach diesem ganz alltäglichen und typischen Familienabend bekommt die siebzehnjährige Heidi einen dramatischen Befund. Sie ist schwer krank, es ist mehr als todernst. Familien, Freunde und Verwandte sind verständlicherweise am Boden zerstört. „Warum ausgerechnet unsere Kleine“, hadern sie. „Was hat dieses so brave, unschuldige Ding denn in ihrem jungen Leben schon groß angestellt, dass sie vom Schicksal, vom Herrgott so bestraft wird???“, fragen sich die esoterisch interessierten Tanten.

Was die ganze Story nun um alles in der Welt mit dem eigentlichen Thema Fokus-/Aufmerksamkeitsregulation zu tun hat? Was Heidi in ihrer dramatisch-schweren Krankheit, die das volle Programm an OPs, Chemo und Bestrahlungen auslöst, nun bekommt, ist etwas, was sie vorher kaum je bekam: Aufmerksamkeit!!! So unglaublich dies klingen mag, aber Psychosomatiker wissen es längst: Krankheiten sind oft an ein Aufmerksamkeitsdefizit gebunden. Wenn ich krank bin, kümmern sich alle um mich! Wenn sich alle um mein Leben sorgen, stehe ich endlich einmal im Mittelpunkt! Auch führen Krankheiten oder Unfälle bisweilen – auf haarsträubende Art und Weise, keine Frage – zurück zum wahren Leben, wenn der Fokus verloren scheint. Wie viele Stress-Menschen müssen in ihrer Zeit der Midlife-Crises erst von Herzinfarkt & Co. ordentlich gebeutelt werden, um zu erkennen, dass sie von ihrem (zumindest gesundheitlichen) Weg abgekommen waren? Und in ihrer persönliche Aufmerksamkeit oft den falschen Dinge die Priorität einräumten. »Krankheiten als Sprache der Seele« von Dr. Rüdiger Dahlke, wäre für Interessierte eine ideale Einstiegslektüre in dieses komplexe Thema.

Lassen Sie uns also nie darauf vergessen, den positiven Dingen im eigenen Leben wie im Leben uns anvertrauter Menschen verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken!

Lassen Sie uns also nie darauf vergessen, den positiven Dingen im eigenen Leben wie im Leben uns anvertrauter Menschen verstärkte Aufmerksamkeit zu schenken! Und seien diese Dinge bereits auch noch so selbstverständlich geworden, wie etwa Heidis Französisch-Sehr-Gut in der heutigen Geschichte. Überlegen wir uns stets, wie intensiv wir negativen Dingen unseren Fokus widmen und ob uns dies nicht in ein Ungleichgewicht führt. In obigem – fast frei erfundenem Beispiel – führte nämlich die massive Fokussierung auf Björns Schwächen einerseits die Schwester in ein Schattendasein, andererseits und vielmehr den (in Mutters Augen ach so armen) Buben paradoxer- wie unverdienterweise ins Rampenlicht: Seine Faulheit wurde nämlich mit Aufmerksamkeit (und sogar einer Extraportion Schoko-Creme) belohnt. Mit jedem Fleck in der Schule wurde er immer mehr zum Mittelpunkt der Familie…